Positionsbestimmung

Der Punkt an dem ich stehe ist geografisch genau 9° 55‘ 45‘‘ östlicher Länge und 53° 33‘ 18‘‘ nördlicher Breite in einer Höhe von 25 Metern über dem Meeresspiegel, in Hamburg am Hohenesch 68 am Donnerstag den 1. März des Jahres 2010 um 7.45 Uhr. Der Rückblick, den dieses Buch darstellt bezieht sich auf die Dekade 2002 – 2012. Wohin sie Reise weitergeht werden die kommenden Jahrbücher dokumentieren. Meine Arbeit als Künstler umfasst eine eigene jahrzehntelange schöpferische Produktion mit ihren sich wandelnden Erfahrungen. Parallel dazu ist meine Arbeit als Vermittler, Lehrer, Begleiter in der Kunstschule verwurzelt. Diese Grenzlinie von eigener Produktion und Vermittlungsarbeit ist die Berührungszone, wo wechselseitig Erfahrungen in einem sich gegenseitig bereichernden Prozess ineinander fließen. Von meinen Erfahrungen wird gelernt und ich lerne von den unterschiedlichen Interpretationen des Vermittelten. Es gibt kein formales Lehrgebäude, sondern ein aus der eigenen Erfahrung gespeistes reagieren auf Entstehendes, das ständig zu neuen Wegen und Konsequenzen drängt. Vor 36 Jahren, als ich mit der Unterrichtstätigkeit begann war die Ausgangslage gesellschaftlicher und medialer Art eine ganz andere. Zu Beginn, im Jahre 1977 gab es die digitale virtuelle Realität erst in kleinsten Ansätzen. Die Grundbedingungen des sinnlichen Wahrnehmens waren zu jener Zeit noch sehr direkt an greifbare, begreifbare Tatsachen gebunden. Diese Bedingung hat sich völlig verändert. Anstelle des Naturstudiums, um einen heutzutage etwas antiquierten Begriff zu verwenden, ist die Realitätsschöpfung aus dem Internet, aus der virtuellen Welt getreten. Damit sind uns jetzt sehr viele Fakten schnell und leicht zugänglich, diese wiederum aber in einem Zustand der Unsinnlichkeit. Damit ist eine Fülle von Wahrnehmungen reduziert. Den sich aus den Umständen bildenden Ersatzwelten fehlen die Haptik, die Gerüche, Temperaturwahrnehmungen und Gewichtsgefühle. Ein wichtiges Teil der eigentlichen Lebensrealität ist ausgeblendet. Das zentrale Anliegen meiner Tätigkeit im Atelier ist es, in der direkten Auseinandersetzung über die sinnliche Wahrnehmung, zu eigenen künstlerischen Aussagen zu gelangen. Dabei fließen Erfahrungen aus allen Bereichen des Daseins in diesen Prozess. Das wiederum gibt den Arbeiten die Tiefe, Wärme, Mitteilungsintensität und Authentizität von der Berührungskraft ausgeht, für mich ist dies, das zentrale Wesen der Kunst.

Jörk Kalkreuter