Zehn Jahre Kunstschule Jörk Kalkreuter

Jubiläumsfest am Sonnabend, 18. August 2012

Eingangsvortrag: Dr. Annegret Witt-Barthel

Text: Jörk Kalkreuter und Annegret Witt-Barthel

Ist Kunst lehrbar? Oder: Das Warten auf den Punkt

 Liebe Freundinnen und Freunde,

ich heiße Sie herzlich willkommen zur Feier des 10-jährigen Bestehens der Kunstschule Jörk Kalkreuter. Sie auch im Namen von Jörk zu begrüßen, ist mir eine mehrfache Freude.

So weisen die 10 Jahre auf eine Erfolgsgeschichte im Sinne der Kunstschule hin. Gegenwärtig gehen hier rund 70 Menschen ihrer Befassung mit Kunst nach. Als ich vor fast zwei Jahren zum ersten Mal diese hohen, hellen Räume betrat, nahm mich sofort die Qualität des künstlerischen Ausdrucks in den Bildern, Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen gefangen. Sie hatten in ihrer Unterschiedlichkeit eine individuelle, oft intensive Strahlkraft. Ja, hier wollte ich bleiben und mir etwas von dieser Ausdrucksfähigkeit aneignen, also lernen!

Daher freut und ehrt es mich, die heutigen Eingangsworte sprechen zu dürfen.

 I. Die Frage

Jörk Kalkreuter hat sie mit einer Frage versehen, die ihn seit mittlerweile 36 Jahren als Kunstlehrer beschäftigt: Ist Kunst lehrbar? Diese Frage hat in ihrem zweiten Teil eine Antwort gefunden:„Ist Kunst lehrbar? Oder: Das Warten auf den Punkt.“ - Was denn für ein Punkt, mögen Sie fragen und hätten ganz Recht: dieser Punkt bedarf einer Erklärung – Sie werden sie erhalten!

 Jörks Antwort auf den ersten Teil des Titels ist knapp und klar:

Nein, Kunst ist nicht lehrbar! Niemand kann das! Und fügt hinzu:

Aber wie kommt sie dann zu Stande, wieso entstehen dann Malerei, Musik und Dichtung? Welches sind die Bedingungen, damit Kunst entstehen kann?

 Diese zu kennen und zu schaffen macht aus meiner Sicht einen Kunstlehrer aus.

 Ein erstes Überfliegen von Jörks Textskizze zeigte mir eine auflistende Beschreibung der Bedingungen, damit Kunst entstehen kann. Also aus seiner Sicht als Lehrender. Ohne sie weiter zu lesen, legte ich darauf den Text beiseite, um aus meiner Sicht als Lernender solche Bedingungen zu notieren. Als ich seine und meine nebeneinander legte, stellten sie sich als weitgehend vergleichbar dar, nur sozusagen spiegelverkehrt beschrieben. Das ist weniger überraschend als es zunächst scheint. Dieses Zusammentreffen weist vielmehr darauf hin, die wesentlichen Bedingungen benannt zu haben. Es kristallisierten sich fünf heraus.

 II. Die Bedingungen

1.

Aus Jörks Erfahrung „ist ein wichtiger Teil der zweckfreie Schutzraum, Ateliers aller Art. Sie schaffen die Voraussetzungen sich ungestört versenken zu können, ohne dass eine zweckbedingte Forderung erhoben wird. Das Entscheidende daran ist, dass es keine größeren Störungen von außen oder Ablenkung durch neue Reize gibt, denn diese verbauen rasch den zur Kunstentstehung notwendigen inneren Freiraum. Dieser Rahmen aus Zeit und Raum ist der Platz, an dem sich Erlebnisse, Impulse, Gefühle, Inspirationen, Assoziationen, Beobachtungen und Träume zu Bildsplittern formen.“  (Zitat J.K.)

 Den inneren Freiraum dafür sieht Jörk mehr oder minder in jedem Menschen, zumindest hin und wieder. Meistens zerfalle diese schöpferische Grundstimmung rasch wieder oder werde überlagert, verdünnt und schließlich vergessen. Der Sinn eines geschützten Raumes ist demnach die Möglichkeit, auf diese Reize zu reagieren, sie gewissermaßen „in die Hand zu nehmen“, sie zu wenden, mit ihnen umzugehen und ihnen unter Umständen eine erste, provisorische, andeutungsweise und skizzenhafte Gestalt zu geben. (Zitat J.K.)

 Auch aus meiner Sicht als Kunstschülerin bietet der zweckfreie Schutzraum eines Ateliers wie dieses die Grundbedingung für eine schöpferische Entwicklung. Er bietet Muße, Ermutigung und Resonanz für die Impulse, denen wir allein vielleicht nicht genug zutrauen. Kreativität aber braucht Zutrauen dazu, uns zu zeigen in der Verletzlichkeit dessen, was ungeschützt und ungeprüft nach oben schwemmt und sich Ausdruck verschaffen will - ohne einen Zweck zu verfolgen, den Sinn in sich selbst findend.

 Die Erlaubnis zu Fantasien, die Hingabe an innere Bilder, der Reichtum sinnlicher  Wahrnehmungen und das Vertrauen sie in Zeichnungen, Formen oder Geschichten zu zeigen, sind Quellen der Kreativität. Diese haben wir uns oftmals bereits als Kinder versagt. Als unsere Werke – nein: wir! dem Urteil anderer, dem Vergleich, der Benotung ausgesetzt waren, entstand der innere Zensor. Der innere Fluß stockt, manchmal für immer.

 Die Selbstvergessenheit des spielerischen Prozesses wird zunichte, sobald die Selbstzensur eines scheinbar ungenügenden Produkts sich in uns breit macht.

 Daher ist die Bedeutung eines äußeren zweckfreien Schutzraums so fundamental, um unseren inneren Freiraum aufzuschließen. Einen solchen Schutzraum bietet die Kunstschule Jörk Kalkreuter. 

 2.

Die zweite wichtige Bedingung stellen aus Jörks Sicht geschulte Fähigkeiten und Kenntnisse dar – wir brauchen sie einerseits im Beobachten und beim Umsetzen des Beobachteten, andererseits in der sicheren Einschätzung der Möglichkeiten der Materialien und Werkzeuge, im Wissen um die formalen Ordnungsformen. Das ist das Sprachmedium für Kunst. (Zitat J.K.)

 Es klingt lapidar, dass Kunst ohne handwerkliche Fertigkeiten nicht auskommt – es heißt ja nicht umsonst: „Kunst kommt von Können.“ Wie sonst sollen wir denn unsere inneren Bilder und Impulse materialisieren, wenn wir nicht erlernt haben, Holz mit einem Stechbeitel Form zu verleihen, mit Farbe und Pinsel Kontraste zu erzeugen oder eine Schweißnaht zu setzen?

Ein Beispiel dafür ist die Kraft gekonnter Abstraktionen: Ein Pablo Picasso oder ein Joseph Beuys beherrschten die Zeichnung, die Malerei, die Skulptur; aus dieser Kunstfertigkeit leiteten sie ihre Abstraktionen erst ab.

 Kunst zu schaffen, bedeutet, Innerlichkeit mit angemessenen Mitteln auszudrücken; bedeutet, uns das, was da heraus will, mit geübtem Suchen und Probieren anzueignen, und uns selbst und anderen mitzuteilen. Die Echtheit dieser Mitteilung und ihre handwerklich gekonnte Umsetzung sind es, die den Betrachter berühren und in ihm eine Saite zum Schwingen bringen.

 Kunsthistorisch betrachtet, war Kunst ja zunächst reines Handwerk und entwickelte erst in der Renaissance den Anspruch individueller Urheberschaft. Dass diese sich verselbständigt und sich sogar vom Vermögen lossagt, Ideen zu verwirklichen, ist  eine neue Erscheinung – wie beispielsweise die Konzeptkunst.

Ernsthaftes Handwerk zu vermitteln, ist in Kunsthochschulen vielfach aus dem Blick geraten. Das ist ein enormer Verlust. Erfahrungen und Kulturtechniken werden nicht weitergegeben und Studierende bleiben oftmals sich selbst überlassen. Solches Laissez-faire aber birgt keine Freiheit, auch keine künstlerische, sondern gerät schnell zur Indifferenz aus Ablehnung von Verantwortung für die Lernenden.

 Jörk Kalkreuter spricht sogar von Verwahrlosung. Er ist ein entschiedener Befürworter und versierter Vermittler von Fertigkeiten und Kenntnisse, die er in seiner Kunstschule weitergibt.

 3.

Die dritte, elementare Bedingung sieht Jörk in der Tatsache mit Gleichgesinnten gemeinsam in einem Atelier tätig zu sein. Das rege in vielfältiger Hinsicht an und schütze gleichzeitig vor Verengungen und Verhärtungen von Entwicklungspositionen, weil sich diese durch gemeinsame Betrachtung und Besprechung leichter auflösen lassen und der Gestaltungsprozeß flexibler verläuft. Eine solche Problematik ist unter diesen Bedingungen sehr viel leichter zu bewältigen als völlig allein in einer verfahrenen Situation dazustehen. (Zitat J.K.)

 Damit beschreibt Jörk ein Miteinander, das so etwas wie ein „Kreatives Feld“ erzeugt. Es entsteht durch die Atmosphäre aus Gerüchen, Geräuschen, Licht und vor allem aus der Energie aller, die einen sozialen oder gebauten Raum aufladen. Auch deshalb kommen wir hierher und bleiben nicht mit Pinsel und Farben allein zu Hause.

Der wesentliche Aspekt davon ist das Miteinander, das durchaus in stundenlanger Schweigsamkeit bestehen kann. Entscheidend ist eine Akzeptanz ohne Konkurrenz, aber in gegenseitiger Anerkennung aus Respekt vor den Arbeiten und Prozessen der anderen. Dies bedeutet auch, sich Sehen und Verstehen ohne Bewertung anzueignen.

Funktion eines Ateliers sollte es sein, eine solche Atmosphäre zu transportieren. Wir erfahren hier, wie Jörk Kalkreuter seine Kunstschule selbst in dieser Weise prägt:

Jörk agiert aus innerer Haltung heraus mit allen auf Augenhöhe - als Leiter, als Lehrer und als Künstler. Sie wurzelt in seinem Selbstverständnis, sich im Miteinander ebenfalls zu reflektieren, anzureichern und weiter zu entwickeln. Daher erleben wir ihn auch als aktiven Künstler neben uns. Er recherchiert und schreibt für seine Projekte; er bearbeitet und fügt Holz, Metall, Farben, Gewebe zu Objekten; er konzipiert und baut seine Ausstellungen. An diesem schöpferischen Prozeß läßt er jeden teilhaben, der sich interessiert.

 Diesem Prozeß misst Jörk Kalkreuter die eigentliche Bedeutung bei. Dem Produkt scheint er nur als vorübergehende Beiläufigkeit Beachtung zu schenken, als Dokument des Prozesses. Mit bemerkenswerter Uneitelkeit bewahrt er einige von Ihnen auf, gibt sie weiter oder verwendet sie erneut als Material. Kunst als Zyklus von Entstehung, Entwicklung, Vergehen und neuer Bestimmung beschreibt sie als Lebenszyklus – etwa wie ein Baum aus einem Samen sprießt, sich entfaltet, vermehrt und abstirbt, um sich als Gehölz oder Humus anzubieten. „Museale Kunst“ hat da keinen Platz. 

 Aus diesem Verständnis heraus ist Jörk ein Kunstlehrer, der die Entwicklung seiner Schüler in den Blick nimmt. 

 4.

Damit sind wir bei der von Jörk selbst als zentral bewerteten, vierten Bedingung für die Entstehung von Kunst: „die vorsichtige Anleitung durch einen Lehrer, einen Reflektor von außen. Diese Tatsache spielt nach seiner Einschätzung deshalb eine so wichtige Rolle, weil man selbst in diesem Gestaltungsprozeß stehend manchmal Elemente übersieht, die von großem Potenzial sind. Unter Umständen stehen sie den eigenen Wunschvorstellungen entgegen, das auf ganz andere Ziele gerichtet ist und diese Potenzialpunkte nebensächlich erscheinen lassen. (Zitat J.K.)

 Diese Entwicklungszone nennt Jörk „das Warten auf den Punkt“: „Sobald in dem sich zunächst noch roh anbietenden Bildmaterial etwas sichtbar wird, was augenscheinlich spezifisch nur zu diesem Menschen gehört, versuche ich es zu verstärken, den Punkt sozusagen zu forcieren. Das gelingt mal besser, mal nicht so gut; viele Faktoren beeinflussen das, mein eigenes Einfühlungsvermögen hat seine Grenzen, ebenso die Offenheit und Spielbereitschaft der Creatoren, die Kraft und Hartnäckigkeit einem Impuls zu folgen ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manch einem fällt das leicht, bei anderen ist es ein jahrelanger zäher Prozeß.“

 Aus meiner Sicht als Schülerin bietet ein Lehrer verstärkende Resonanz dessen, was heraus und Gestalt annehmen will. Er leistet aus einem Gespür für den Schüler heraus eine lenkende Verstärkung ohne ihm den eigenen Stempel aufzudrücken. Ein solcher Katalysator wird also nicht Kunst lehren, sondern sozusagen den Geburtskanal für das Entstehende freilegen und es als Hebamme mit in die Welt bringen. Ich denke, viele die hier ihren künstlerischen Prozeß verfolgen, erkennen Jörk in dieser Beschreibung wieder.

 5.

Als letzte Bedingung für die Entstehung von Kunst ist natürlich der Künstler zu betrachten, Jörk Kalkreuter nennt die künstlerische Kraft im Schüler selbst als unabdingbar, wenn er den „Punkt“ beschreibt:

 „Dieser Punkt, von dem ich spreche, ist das erste Aufblitzen einer Äußerungsqualität, die das Wort „KUNST“ verdient hat. In ihm verbinden sich viele Elemente zu einer untrennbaren Synthese, das sind Auffassungsstärke, Formulierungskraft, emotionale Tiefe, Bildfindungen außerhalb jeder Klischeerealität; Erscheinungsformen, von denen eine Berührung des Betrachters ausgeht. In dieser Synthese wachsen die verschiedenen Komponenten zusammen und bilden einen neuen Aggregatzustand – nämlich den der Kunst. Sie können es daran merken, ob sich die Substanz, der Reiz eines Bildes nach kurzer Zeit erschöpfen oder ob sie lange Zeit womöglich leben, lange von ihm zehren können. Das ist ein klarer Indikator für einem Kunstwerk innewohnende Kraft.

 Dieses erste Aufblitzen ist natürlich nur der Anfang einer künstlerischen Entwicklungslinie und erspart keineswegs andauerndes Lernen und intensives Arbeiten. Auch schließt sie Höhen und Tiefen nicht aus – wie im übrigen Leben auch gehören diese als natürliche Tatsache zu diesem Prozeß. Inwieweit sich diese künstlerische Kraft halten und bewahren läßt, hängt unter anderem von der Lebendigkeit des Wahrnehmens und Reagierens ab und von der Bereitschaft, sich neu bildenden Impulsen nicht mit gewohnten Mustern zu antworten, sondern sich auf die Suche nach einer adäquaten Erscheinungsform zu machen. Darin liegt der beste Garant zur Bewahrung künstlerischer Kraft.“ (Zitat J.K.)

 III. Die Produzentengalerie

Um diese künstlerische Kraft zu bewahren, zu erkennen und zu ihrer Entfaltung zu verhelfen, bedarf es eines Lehrer und eines Raums wie diesen. Um den Ergebnissen des schöpferischen Prozesses Geltung zu verschaffen, unterhält Jörk über die Kunstschule hinaus auch das „Kunstforum Jörk Kalkreuter Produzentengalerie“ hier im Haus. 

 Ich möchte Sie einladen zur dortigen Ausstellung „Wie entsteht Kunst? Der schöpferische Prozeß“. Elke Fontaine hat sie aus Anlaß des Jubliäums initiiert. Die Exponate dokumentieren den kreativen Prozeß vom ersten Impuls über das Sondieren und Experimentieren bis zur Ausarbeitung gültiger Fassungen.

 IV. Der Dank

Lieber Jörk,

10 Jahre Kunstschule sind aller Grund für ein Danke im Namen aller, die du begleitet, gefördert und bereichert hast.

Wir sagen dir „Herzlichen Glückwunsch“ und noch viele weitere erfolgreiche Jahre!

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Annegret Witt-Barthel                               26.09.2015

Ausstellungseröffnung Elke Fontaine „SchattenReich“

I. Einführung

Ich heiße Sie herzlich willkommen in der Produzentengalerie - Kunstforum

Jörk Kalkreuter zur Ausstellung „SchattenReich“. Unter diesem mehrdeutigen Titel gibt  Elke Fontaine einen Einblick in ihre Arbeit: Im Mittelpunkt stehen tänzelnde Figuren aus Seidenpapier und dünnem Draht. Neben den Gestalten und Szenarien sehen wir deren photographische Abbildungen; wir erkennen Details, ergänzende Aspekte oder die Gestalten in anderen Situationen.

 Wenn Sie die Ausstellung betreten, begegnen Ihnen aber zunächst andere Objekte, die einigen von Ihnen vertraut vorkommen dürften. Es sind Szenarien, die aus der vor genau drei Jahren hier zu sehenden Ausstellung „Imaginäre Reisen“ stammen. Jörk Kalkreuter hat diese Objekte aus der damaligen Ausstellung ausgewählt und mit den Gestalten aus dem „SchattenReich“ in Beziehung gesetzt. Damit bringt er die Gestalten in einen neuen Deutungszusammenhang, inszeniert also die Ausstellung.

 Inszenierung provoziert Assoziationen und ist daher ein entscheidender Vorgang für Deutung. Denn wie wir als Betrachter etwas deuten, also welchen praktischen oder ideellen Sinn wir dem beimessen, was wir sehen, hängt vor allem von unseren Assoziationen ab.

 Die Szenarien aus „Imaginäre Reisen“ hat Jörk Kalkreuter also sehr bewusst ausgewählt. Es sind diejenigen mit eher bedrohlichem Charakter. Seine Auswahl steht nach Jörks Worten unter dem Eindruck der Nachrichten und Bilder dieser Tage. So verbindet sich der Gedanke an Reisen schnell mit dem an Flucht, Lebensgefahren und Bedrohung. In diesem Licht betrachtet, wirken auch die eigentlich facettenreichen Gestalten aus dem „SchattenReich“ eher düster und bedrohlich.

 Die Szenarien aus „SchattenReich“ und „Imaginäre Reisen“ erscheinen zunächst unverbunden. Der Ausstellung gelingt jedoch ihre Wechselwirkung als Anstoß von Assoziationen, die ihr eine zeithistorische Qualität verleiht. Um dieser Wirkung nachzuspüren, möchte ich mit Ihnen zunächst einen Blick ins SchattenReich werfen.

 II. SchattenReich

Rein sprachlich ist das Wort „schattenreich“ schon doppeldeutig.

-  Als Adjektiv vermittelt es materiell und gegenständlich die Eigenschaft „reich an Schatten“ zu sein – ein Wald zum Beispiel ist schattenreich, ein Faltenwurf oder die Dämmerung.

 - Als Substantiv nimmt „SchattenReich“ den Charakter einer Metapher an. Sie verweist auf eine Welt der Schatten als Symbol für das Schemenhafte, für das Dunkle, Verdrängte. Ein Schatten kann als nicht verarbeitete Erfahrung oder als unbewusst Wahrgenommes in unserem Inneren leben. Er kann sich aber auch als Realität, die wir nicht wahrnehmen können oder wollen, direkt neben uns in unserer materiellen Umgebung befinden. - „Die im Dunklen sieht man nicht“, die im Verborgenen, die auf der Schattenseite des Lebens.

 Schauen wir in das Buch „SchattenReich“, das Elke Fontaine vor einigen Wochen produziert hat, finden wir eine weitere, tiefere Bedeutungsebene. Die abgebildeten Szenen mit den tänzelnden Papierwesen sind einem Freund gewidmet. Am Weihnachtstag 2014 gestorben, gilt ihm die Choralzeile „Tristis est anima mea usque ad mortem“ – „Betrübt ist meine Seele bis an den Tod“.

„SchattenReich“ ist hier ganz archetypisch als Hades zu verstehen, als Reich der Toten. Die Gestalten nehmen darin „Abschied“, dienen als „Wächter“, fragen „Wo ist dieses Land?“, vollführen einen „Tanz der Schatten“, hüten die „Erinnerung“. Und sie sind „GrenzGänger“, Boten zwischen den Welten – ein in den Arbeiten Elke Fontaines immer wieder auftauchendes Motiv.

 Aus diesem Zusammenhang treten die Gestalten nun heraus und in den neuen der Ausstellung ein.

 Dank ihres Materials - Seidenpapier, Tusche und Draht - entfalten sie in variantenreichen Bewegungen eine eigene, vielschichtige Welt des tänzerischen Ausdrucks. Sie sind ebenso zart und behende wie sie ausgreifend und offensiv im Raum und umeinander zu tänzeln scheinen.

Sie kommen in zwei Varianten daher: Als weiße Figuren mit markanten schwarzen Profilen wirken sie diesseitig heiter. Ihre schwarzen Pendants mit silbrigen Kanten dagegen dominieren mit jenseitig unheimlicher Aura.

 Ihre Bewegungen und Erscheinungen erlauben dem Betrachter also viel Deutungsspielraum, um sie figürlich und symbolisch für sich zu entschlüsseln.

 III. Imaginäre Reisen

Im Kontext der Ausstellung bleibt der Deutung kein Spielraum mehr. Denn das „SchattenReich“ wird durch die Auswahl der Szenarien aus der Ausstellung „Imaginäre Reisen“ interpretiert.

Die damalige Ausstellung hatte den Untertitel „Galaktische Spaziergänge“ und zeigte weit mehr: szenische Objekte und Abbildungen von kleinen Universen, in denen sich Menschen ohne erkennbares Ziel auf Reisen befanden. In meiner damaligen Einführung nannte ich es  „Reisen ohne Ort, ohne Zeit, ohne Orientierung – mit freier Deutung. Reisen können Erkundungen und Abenteuer oder aber Flucht und Vertreibung sein. Reisen können einen inneren Zustand des Träumens, der Entwicklung und des Übergangs beschreiben.“ Das ließ die damalige Ausstellung bewusst offen und ambivalent.

 Die Auswahl der Szenarien in der heute beginnenden Ausstellung lässt dies nicht zu.  Wir sehen von Hubschraubern umstellte Menschen, Reisende auf der Suche nach einem Weg in abschüssigem Gelände, Wanderer auf einem Bergkamm über dem Abgrund balancieren.

 Verbinden wir diese Szenen mit den täglichen Bildern von Flüchtlingen, gemahnen sie an greifbare Realität. Wir haben sie nur lange verdrängt, die Schattenseite unseres Wohlstands:

- Außenhandelsüberschuss auch durch Waffenexporte in Krisenregionen,

- protektionistische EU-Zollpolitik für günstige Rohstoffe, die in den Herkunftsländer die Wirtschaftsentwicklung unterbindet;

- billige Importe von Fertigprodukten um den Preis von Umweltzerstörung und verheerenden Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern.

 Nun will ich weder diese Ausstellung mit dergleichen Deutung überfrachten noch möchte ich uns in eine unangemessene Gesamtverantwortung für äußerst komplexe Geschehnisse stellen. Eines aber ist sicher: Die Menschen, deren Schicksal wir verdrängen, treten gegenwärtig aus ihrem Schattenreich heraus.

 IV. Wechselwirkung

Diese Gedankenkette hat die Wechselwirkung der Gestalten „SchattenReich“ mit den Szenarien aus „Imaginäre Reisen“ ausgelöst.

 Jörk Kalkreuter beschreibt die Wechselwirkung so: 

„Der Titel SchattenReich bringt es auf den Punkt.

Weit fallen die Schatten über diese Welt. Die dunklen Figuren sind die modernen Verwandten der apokalyptischen Reiter. Ihr Erscheinungsbild ist bedrohlich und sie führen einen bedrohlichen Tanz vor. Ihr visueller Auftritt hat ein stark zerfleddertes Erscheinungsbild, das an der Grenze zur Formlosigkeit steht. Diese dunklen Wesen haben Vorgänger – links vom Eingangsbereich der Galerie sind Photographien zu sehen, die wie historische Wurzeln der aktuellen Werkgruppe wirken. Die Portraits dieser Geistermänner, die sich in vagen unfassbaren Räumen bewegen, strahlen ebenfalls Bedrohung und Gewalt aus. Eine nicht zu übersehende Gemeinsamkeit.

 Die zweite wichtige Objektgruppe sind die Trümmerlandschaften. Auf ihnen stehen verloren menschliche Gestalten, in Gruppen, die keinen richtigen Kontakt mehr finden zu der zerstörten Materie unter ihren Füßen. ein verzweifelter Zustand. Die Materie selbst macht einen feindseligen und abstoßenden Eindruck, als wolle sie die menschlichen Figuren von ihrer Oberfläche verdrängen. Eine desillusionierende Stellungnahme über das Verhältnis von Mensch und Umwelt.

 Ein weiteres Objekt, das frei im Raum schwebt, ohne weitere Anbindung an einen weltlichen Zusammenhang, stellt einen Mikrokosmos dar. Ein kleines Plateau mit einem gebäudeartigen Gehäuse ist umstellt von militärischem Personal. Dessen dunkle Hubschrauber gleichen Insekten, die die untere Ebene des Plateaus besetzen und das Gefühl von Angriff und Verfolgtsein abstrahlen. Auch hier sind die Zeitbezüge unschwer zuzuordnen.

 Alle diese plastischen Arbeiten werden flankiert von Photographien. Sie zeigen Teilaspekte der Objekte und sind von einer suggestiven Kraft, die sie zu einer autonomen Bildrealität werden lässt. Zum Teil sind es Einzelbilder, die für sich stehen. Zum andern Teil sind es Bildgruppen, die mit ihrer Vielzahl von Facetten die Betrachtungsmöglichkeiten der Objekte vorführen. Einzelne Photographien, die das freischwebende Gebäude umgeben, beziehen sich als Motiv auf dieses Objekt und runden die verschiedenen Positionen der Ausstellung ab.“ Soweit Jörk Kalkreuter.

 IV. Der Baum

Für mich hat die Ausstellung neben den Gestalten aus „SchattenReich“ und den Szenarien aus „Imaginäre Reisen“ ein einzelnes drittes Element. Es ist der Baum auf der schwebenden Ebene aus Sand und Steinchen. Er entstammt dem „SchattenReich“ und leuchtet dort als Symbol für Erinnerung.

 In Kontext der Ausstellung wirkt dasselbe Objekt als gleich inszeniert wie die tanzenden Gestalten auf der schwebenden Ebene aus Sand und Steinchen, die wir auch auf der Einladungskarte sehen. Aber im „SchattenReich“ der Gestalten wirkt der Baum wie ein fremdes Objekt aus der diesseitigen Welt. Als verdorrtes Gewächs in einer wüstenartigen Landschaft wird er zu einem verbindenden Element zwischen dem „SchattenReich“ und der szenischen Welt der „Imaginären Reisen“.

 Damit wandelt sich der Baum von einer Metapher für Erinnerung in ein realistisches Objekt. Vielleicht in ein Mahnmal für den Erhalt der Umwelt. Es formt sich in mir die Frage: „Wann kommen die Klimaflüchtlinge?“.

 Das ist einer von vielen möglichen Gedankengängen. Vielleicht bilden sich in Ihnen andere Assoziationen, kommen eigene Fragen, stellen sich andere Deutungen ein. Unberührt werden Sie sicherlich nicht bleiben.